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Flugblatt
2 Man kann
sich mit dem Nationalsozialismus geistig nicht auseinandersetzen,
weil er ungeistig ist. Es ist falsch, wenn man von einer
nationalistischen Weltanschauung spricht, denn wenn es diese gäbe,
müßte man versuchen, sie mit geistigen Mitteln zu beweisen oder zu
bekämpfen - die Wirklichkeit aber bietet uns ein völlig anderes
Bild:
Schon in ihrem ersten Keim war diese Bewegung auf den
Betrug des Mitmenschen angewiesen, schon damals war sie im Innersten
verfault und konnte sich nur durch die stete Lüge retten. Schreibt
doch Hitler selbst in einer frühen Auflage «seines» Buches (ein
Buch, das in dem übelsten Deutsch geschrieben worden ist, das ich je
gelesen habe; dennoch ist es von dem Volke der Dichter und Denker
zur Bibel erhoben worden):
"Man glaubt nicht, wie man ein
Volk betrügen muß, um es zu regieren"
Wenn sich nun am
Anfang dieses Krebsgeschwür des deutschen Volkes noch nicht
allzusehr bemerkbar gemacht hatte, so nur deshalb, weil noch gute
Kräfte genug am Werk waren, es zurückzuhalten. Wie es aber größer
und größer wurde und schließlich mittels einer letzten gemeinen
Korruption zur Macht kam, das Geschwür gleichsam aufbrach und den
ganzen Körper besudelte, versteckte sich die Mehrzahl der früheren
Gegner, flüchtete die deutsche Intelligenz in ein Kellerloch, um
dort als Nachtschattengewächs, dem Licht und der Sonne verborgen,
allmählich zu ersticken.
Jetzt kommt es darauf an, sich
gegenseitig wiederzufinden, aufzuklären von Mensch zu Mensch, immer
daran zu denken und sich keine Ruhe zu geben, bis auch der Letzte
von der äußersten Notwendigkeit seines Kämpfens wider dieses System
überzeugt ist.
Wenn so eine Welle des Aufruhrs durch das
Land geht, wenn <es in der luft liegt>, wenn viele mitmachen,
dann kann in einer letzten, gewaltigen Anstrengung dieses System
abgeschüttelt werden. Ein Ende mit Schrecken ist immer noch besser
als ein Schrecken ohne Ende.
Es ist uns nicht gegeben, ein
endgültiges Urteil über den Sinn unserer Geschichte zu fällen. Aber
wenn diese Katastrophe uns zum Heile dienen soll, so doch nur
dadurch:
durch das Leid gereinigt zu werden, aus der tiefsten
Nacht heraus das Licht zu ersehnen, sich aufzuraffen und endlich
mitzuhelfen, das Joch abzuschütteltn, das die Welt
bedrückt.
Nicht über die Judenfrage wollen wir in diesem
Blatte schreiben, keine Verteidigungsrede verfassen - nein, nur als
Beispiel wollen wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, daß
seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem
Land auf bestialische Art ermordet worden sind. Hier sehen wir das
fürchterlichste Verbrechen an der Würde des Menschen, ein
Verbrechen, dem sich kein ähnliches in der ganzen Menschengeschichte
an die Seite stellen kann. Auch die Juden sind doch Menschen - man
mag sich zur Judenfrage stellen, wie man will -, und an Menschen
wurde solches verübt. Vielleicht sagt jemand, die Juden hätten ein
solches Schicksal verdient; die Behauptung wäre eine ungeheure
Anmaßung; aber angenommen, es sagte jemand dies, wie stellt er sich
dann zu der Tatsache, daß die gesamte polnische adelige Jugend
vernichtet worden ist (gebe Gott, daß sie es noch nicht ist!)? Auf
welche Art, fragen Sie, ist solches geschehen? Alle männlichen
Sprößlinge aus adeligen Geschlechtern zwischen 15 und 20 Jahren
wurden in Konzentrationslager nach Deutschland zur Zwangsarbeit,
alle Mädchen gleichen Alters nach Norwegen in die Bordelle der SS
verschleppt! Wozu wir dies Ihnen alles erzählen, da Sie es schon
selber wissen, wenn nicht diese, so andere gleich schwere Verbrechen
des fürchterlichen Untermenschentums? Weil hier eine Frage berührt
wird, die uns alle zutiefst angeht und allen zu denken geben
muß.
Warum verhält sich das deutsche Volk angesichts
all dieser scheußlichsten menschenunwürdigsten Verbrechen so
apathisch? Kaum irgend jemand macht sich Gedanken darüber. Die
Tatsache wird als solche hingenommen und ad acta gelegt. Und wieder
schläft das deutsche Volk in seinem stumpfen, blöden Schlaf weiter
und gibt diesen faschistischen Verbrechern Mut und Gelegenheit,
weiterzuwüten - und diese tun es.
Sollte dies ein Zeichen
dafür sein, daß die Deutschen in ihren primitivsten menschlichen
Gefühlen verroht sind, daß keine Saite in ihnen schrill aufschreit
im Angesicht solcher Taten, daß sie in einen tödlichen Schlaf
versunken sind, aus dem es kein Erwachen mehr gibt, nie, niemals? Es
scheint so und ist es bestimmt, wenn der Detusche nicht endlich aus
dieser Dumpfheit auffährt, wenn er nicht protestiert, wo immer er
nur kann, gegen diese Verbrecherclique, wenn er mit diesen
Hunderttausenden von Opfern nicht mitleidet. Und nicht nur Mitleid
muß er empfinden, nein, noch viel mehr:
Mitschuld.
Denn er gibt durch sein apathisches
Verhalten diesen dunklen Menschen erst die Möglichkeit, so zu
handeln, er erleidet diese «Regierung», die eine so unendliche
Schuld auf sich geladen hat, ja, er ist doch selbst schuld daran,
daß sie überhaupt entstehen konnte! Ein jeder will sich von einer
solchen Mitschuld freisprechen, ein jeder tut es und schläft dann
wieder mit ruhigstem, besten Gewissen. Aber er kann sich nicht
freisprechen, ein jeder ist schuldig, schuldig, schludig!
Doch ist es noch nicht zu spät, diese abscheulichste aller
Mißgeburten von Regierungen aus der Welt schaffen, um nicht noch
mehr Schuld auf sich zu laden. Jetzt, da uns in den letzten Jahren
die Augen vollkommen geöffnet worden sind, da wir wissen, mit wem
wir es zu tun haben, jetzt ist es allerhöchste Zeit, diese braune
Horde auszurotten. Bis zum Ausbruch des Krieges war der größte Teil
des deutschen Volkes geblendet, die Nationalsozialisten zeigten sich
nicht in ihrer Gestalt, doch jetzt, da man sie erkannt hat, muß es
die einzige und höchste Pflicht, ja heiligste Pflicht eines jeden
Deutschen sein, diese Bestien zu vertilgen.
«Der, des Verwaltung unauffällig ist, des Volk ist
froh. Der, des Verwaltung aufdringlich ist, des Volk ist
gebrochen.
Elend, ach, ist es, worauf Glück sich
aufbaut. Glück, ach, verschleiert nur Elend. Wo soll das
hinaus? Das Ende ist nicht abzusehen. Das Geordnete verkehrt
sich in Unordnung, das Gute verkehrt sich in Schlechtes.
Das Volk gerät in Verwirrung. Ist es nicht so, täglich,
seit langem?
Daher ist der Hohe Mensch rechteckig, aber
er stößt nicht an, er ist kantig, aber verletzt nicht, er ist
aufrecht, aber nicht schroff. Er ist klar, aber will nicht
glänzen.»
Lao-tse
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«Wer unternimmt, das Reich zu beherrschen und es nach
seiner Willkür zu gestalten; ich sehe ihn sein Ziel nicht
erreichen; das ist alles.»
«Das Reich ist ein
lebendiger Organismus; es kann nicht gemacht werden, wahrlich!
Wer daran machen will, verdirbt es, wer sich seiner
bemächtigen will, verliert
es.»
| Daher:
«Von den Wesen gehen manche voraus, andere folgen
ihnen, manche atmen warm, manche kalt, manche sind stark,
manche schwach, manche erlangen Fülle, andere
unterliegen.»
«Der Hohe Mensch daher läßt ab von
Übertriebenheit, läßt ab von Überhebung, läßt ab von
Übergriffen»
Lao-tse |
Wir
bitten, diese Schrift mit möglichst vielen Durchschlägen
abzuschreiben und weiterzuverteilen.
zitiert aus: "Die Weiße Rose"
von Inge Scholl, Fischer Taschenbücher, ISBN 3-596-11234-6, Januar
1992
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