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Flugblatt
3 «Salus publica suprema
lex»
Alle idealen Staatsformen sind Utopien. Ein
Staat kann nicht rein theoretisch konstruiert werden, sondern er muß
ebenso wachsen, reifen wie der einzelne Mensch. Aber es ist nicht zu
vergessen, daß am Anfang einer jeden Kultur die Vorform des Staates
vorhanden war. Die Familie ist so alt wie die Menschen selbst, und
aus diesem anfänglichen Zusammensein hat sich der vernunftbegabte
Mensch einen Staat geschaffen, dessen Grund die Gerechtigkeit und
dessen höchstes Gesetz das Wohl aller sein soll. Der Staat soll eine
Analogie der göttlichen Ordnung darstellen, und die höchste aller
Utopien, die civitas Dei, ist das Vorbild, dem er sich letzten
Endes nähern soll.
Wir wollen hier nicht urteilen über die
verschiedenen möglichen Staatsformen, die Demokratie, die
konstitutionelle Monarchie, das Königtum usw. Nur eines will
eindeutig und klar herausgehoben werden:
jeder einzelne
Mensch hat einen Ansrpuch auf einen brauchbaren und gerechten Staat,
der die Freiheit der einzelnen als auch das Wohl der Gesamtheit
sichert.
Denn der Mensch soll dach Gottes Willen frei und
unabhängig im Zusammenleben und Zusammenwirken der staatlichen
Gemeinschaft sein natürliches Ziel, sein irdisches Glück in
Selbstständigkeit und Selbsttätigkeit zu erreichen
suchen.
Unser heutiger >Staat< aber
ist die Diktatur des Bösen.
«Das wissen wir schon lange»,
höre ich Dich einwenden, «und wir haben es nicht nötig, daß uns dies
hier noch einmal vorgehelten wird.»
Aber, frage ich
Dich, wenn Ihr das wißt, warum rächt Ihr Euch nicht, warum duldet
Ihr, das diesen Gewalthaber Schritt für Schritt offen und im
Verborgenen eine Domäne Eures Rechts nach der anderen rauben, bis
eines Tages nichts, aber auch gar nichts übrigbleiben wird als ein
mechanisiertes Staatsgetriebe, kommandiert von Verbrechern und
Säufern?
Ist Euer Geist schon so sehr der Vergewaltigung
unterlegen, daß Ihr vergeßt, das es nicht nur Euer Recht, sondern
Eure sittliche Pflicht ist, dieses System zu beseitigen? Wenn
aber ein Mensch nicht mehr die Kraft aufbringt, sein Recht zu
fordern, dann muß er mit absoluter Notwendigkeit untergehen. Wir
würden es verdienen, in aller Welt verstreut zu werden wie der Staub
vor dem Winder, wenn wir uns in dieser zwölften Stunde nicht
aufrafften und endlich den Mut aufbrächten, der uns seither gefehlt
hat. Verbergt nicht Eure Feigheit unter dem Mantel der Klugheit.
Denn mit jedem Tag, da Ihr noch zögert, da Ihr dieser Ausgeburt der
Hölle nicht widersteht, wächst Eure Schuld gleich einer
parabolischen Kurve höher und immer höher.
Viele, vielleicht die meisten Leser dieser Blätter sind sich
darüber nicht klar, wie sie einen Widerstand ausüben sollen. Sie
sehen keine Möglichkeiten. Wir wollen versuchen, ihnen zu zeigen,
daß ein jeder in der Lage ist, etwas beizutragen zum Sturz dieses
Systems. Nicht durch individualistische Gegnerschaft, in der Art
verbitterter Einsiedler, wird es möglich werden, den Boden für einen
Sturz dieser «Regierung» reif zu machen oder gar den Umsturz
möglichst bald herbeizuführen, sondern nur durch die Zusammenarbeit
vieler überzeugter, tatkräftiger Menschen, Menschen, die sich einig
sind, mit welchen Mitteln sie ihr Ziel erreichen können. Wir haben
keine reiche Auswahl an solchen Mitteln, nur ein einziges steht uns
zur Verfügungn - der passive Widerstand.
Der Sinn und das Ziel des passiven Widerstandes ist, den
Nationalsozialismus zu Fall zu bringen, und in diesem Kampf ist vor
keinem Weg, vor keiner Tat zurückzuschrecken, mögen sie auf Gebieten
liegen, auf welchen sie auch wollen. An allen Stellen muß der
Ntionalsozialismus angegriffen werden, an denen er nur angreifbar
ist. Ein Ende muß diesem Unstaat möglichst bald bereitet werden -
ein Sieg des faschistischen Deutschland in diesem Kriege hätte
unabsehbare, fürchterliche Folgen. Nicht der militärische Sieg über
den Bolschewismus darf die erste Sorge für jeden Deutschen sein,
sondern die Niederlage der Nationalsozialisten. Dies muß
unbedingt an erster Stelle stehen. Die größere Notwendigkeit
dieser letzten Forderung werden wir Ihenen in einem unserer nächsten
Blätter beweisen.
Und jetzt muß sich ein jeder entschiedener Gegner des
Nationalsozialismus die Frage vorlegen:
Wie kann er gegen den gegenwärtigen «Staat» am wirksamsten
ankämpfen, wie ihm die empfindlichsten Schläge beibringen?
Durch den passiven Widerstand - zweifellos.
Es ist klar, daß wir unmöglich für jeden einzelnen Richtlinien
für sein Verhalten geben können, nur allgemein andeuten können wir,
den Weg zur Verwirklichung muß jeder selber finden.
Sabotage in den Rüstungs- und
kriegswichtigen Betrieben, Sabotage in allen Versammlungen,
Kundgebungen, Festlichkeiten, Organisationen, die durch die
nationalsozialistische Partei ins Leben gerufen werden. Verhinderung
des reibungslosen Ablaufs der Kriegsmaschine (einer Maschine, die
nur für einen Krieg arbeitet, der allein um die Rettung und
Erhaltung der natonalsozialistischen Partei und Diktatur geht).
Sabotage auf allen wissenschaftlichen und geistigen
Gebieten, die für eine Fortführung des gegenwärtigen Krieges tätig
sind - sei es Universitäten, Hochschulen, Laboratorien,
Forschungsanstalten, technischen Büros.
Sabotage in allen Veranstaltungen kultureller Art, die das
>Ansehen< der Faschisten im Volke heben könnten.
Sabotage in allen Zweigen der bildenen Künste, die nur im
geringsten im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus stehen und
ihm dienen.
Sabotage in allem Schrifttum, allen Zeitungen, die im
Solde der >Regierung< stehen, für ihre Ideen, für die
Verbreitung der braunen Lüge kämpfen.
Opfert nicht einen Pfennig bei Straßensammlungen (auch wenn sie
unter dem Deckmantel wohltätiger Zwecke durchgeführt werden). Denn
dies ist nur eine Tarnung. In Wirklichkeit kommt das Ergebnis weder
dem Roten Kreuz noch den Notleidenen zugute. Die Regierung braucht
das Geld nicht, ist auf diese Sammlungen nicht angewiesen - die
Druckmaschinen laufen ja ununterbrochen und stellen jede beliebige
Menge Papiergeld her. Das Volk muß aber dauernd in Spannung gehalten
werden, nie darf der Druck der Kandare nachlassen! Gebt nichts für
die Metall-, Spinnstoff- und andere Sammlungen. Sucht alle
Bekannten auch aus den unteren Volksschichte von der Sinnlosigkeit
einer Fortführung, von der Aussichtslosigkeit dieses Krieges, von
der geistigen und wirtschaftlichen Versklavung durch den
Nationalsozialismus, von der Zerstörung aller sittlichen und
religiösen Werte zu überzeugen und zum passiven Widerstand zu
veranlassen!
Aristoteles, >Über die
Politik<:
»...ferner gehört es« (zum Wesen der
Tyrannis), »dahin zu streben, daß ja nichts verborgen bleibe, was
irgendein Untertan spricht oder tut, sondern überall Späher ihn
belauschen,
... ferner alle Welt miteinander zu verhetzen und Freunde mit
Freunden zu verfeinden und das Volk mit dem Vornehmen und die
Reichen unter sich. Sodann gehört es zu solchen tyrannischen
Maßregeln, die Untertanen arm zu machen, damit die Leibwache
besoldet werden kann, und sie, mit der Sorge um ihren täglichen
Erwerb beschäftigt, keine Zeit und Muße haben, Verschwörungen
anzustiften.
... Ferner aber auch solche hohe Einkommensteuer, wie die in
Syrakus auferlegten, denn unter Dionysios hatten die Bürger dieses
Staates in fünf Jahren glücklich ihr ganzes Vermögen in Steuern
ausgegeben. Und auch beständige Kriege zu erregen, ist der Tyrann
geneigt...«
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zitiert
aus: "Die Weiße Rose" von Inge Scholl, Fischer Taschenbücher, ISBN
3-596-11234-6, Januar 1992
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